Tagebau

Wenn der Abgrund näher rückt

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Mit Schildern kämpfen die Bewohner von Proschim für den Erhalt ihres Dorfes

Das krächzende Rufen der Krähen hallt wie ein einsamer Schrei durch die Tiefen der Abhänge. Im Hintergrund: lautes Rauschen. Wie am Flughafen, wenn ein Jet gelandet ist und zum Gate rollt.

Selbst nur wenige Kilometer von der Abbruchkante des Tagebaus entfernt, am Ortsschild von Proschim, sind sie noch zu hören. Die riesigen Schaufelräder, die wie unaufhörlich an dem zu nagen scheinen, was für viele Menschen Heimat ist. Viele der Nachbarorte wurden bereits umgesiedelt. Jetzt soll nach Plänen der Brandenburger Landesregierung von SPD und Linke ein weiteres Gebiet erschlossen werden. Wieder sollen Menschen umgesiedelt werden. Wieder sollen Existenzen abgebaut und an einem neuen Ort aufgebaut werden. Dieses Mal geht es um rund 800 Menschen, die im geplanten Erweiterungsgebiet des Tagebaus Welzow Süd wohnen.

Nah am Abgrund: Das Dorf Horno stand den Kohlebaggern im Weg, wurde 2004 abgerissen Foto: Ines Glöckner

Nah am Abgrund: Das Dorf Horno stand den Kohlebaggern im Weg, wurde 2004 abgerissen – Foto: Ines Glöckner

„Die Leute werden gezielt außeinander gerissen!“ – das ist die Meinung eines Menschen, der in Proschim aufgewachsen und seitdem nie fortgegangen ist. Konstantin Jurischka kann sich nicht daran erinnern, wann es in seinem Dorf nicht einmal um die Erweiterung des Tagebaus ging. Es war und ist ein omnipräsentes Thema, sagt er. Er erhebt Vorwürfe gegen den schwedischen Energieriesen Vattenfall, der den Tagebau betreibt. Und berichtet von einem für ihn tragenden Vorfall, woran sich erkennen ließe, dass Vattenfall jedes Mittel recht gewesen sei, um den Druck auf die Dorfbewohner zu erhöhen. So schildert er, dass Vattenfall vor ein paar Jahren – als die öffentliche Debatte um die Tagebauerweiterung zum ersten Mal entkeimte – ein Grundstück am Rande des Ortes gekauft habe. „Das steht seitdem leer“, erklärt Jurischka. Er ist sich sicher, dass man damit ein Exempel der Macht statuieren wollte.

Das Dörfchen liegt weitab vom Autoverkehr, direkt an der Sperrzone des Tagebaus. Ein schmuckes Dorf: Links uns rechts stehen Blumenkübel, die Bürgersteige sind sauber, die Klinkerbauten typisch für Regionen in Südbrandenburg. An den Häusern haben einige Bewohner Kreuze gehangen, um ihre Ablehnung gegen den Tagebau Ausdruck zu verleihen.

alt haidemühl

Aus alt mach neu: Das Dörfchen Alt-Haidemühl. Es wurde rund 20 Kilometer entfernt neu aufgebaut und heißt Neu-Haidemühl

Proschim wirkt trotz seiner 250 Einwohner nicht lebendig. Nur wenige Spaziergänger sind zu sehen. Fährt man aus dem Dorf, kommt man neben einem Photovoltaikkraftwerk – das insgesamt 15 000 Leute versorgt – an Alt-Haidemühl vorbei. Die meisten der ehemaligen Bewohner leben heute im nicht weit entfernten Neu-Haidemühl. Ihre alten und jetzt verwaisten Häuser könnten Kulisse für einen Horrorfilm sein. Dahinter wirken gerodete Waldflächen wie riesige Kornkreise aus Kiefernwälder. Es beschleicht einem dieses merkwürdige Gefühl, das Tagebauten vermitteln. Dieses vom Menschen erschaffene, gruselige Gebilde, das den Stoff dafür liefert, mit dem uns unsere Kraftwerke Strom und Wärme versorgen. 

 Alt-Haidemühl

Ein verlassenes Haus in Alt-Haidemühl

Eine, die die ganze Aufregung nicht versteht, ist Angelika Trautmann, die zufällig mit dem Rad durch Proschim fährt. Die 60-Jährige hat mehr als 32 Jahre als Sekretärin bei Vattenfall gearbeitet. Trautmann ist tief verbunden mit dem Unternehmen. Noch heute arbeiten ihre beiden Söhne für Vattenfall. Für sie gehöre der Tagebau zu den wenigen Perlen in der Region. Auch wenn Trautmann als Mutter – die um die Zukunft ihrer Söhne bangt – spricht, ist dies die Sichtweise vieler Menschen hier. Sie befürworten den Tagebau, weil sie ihn als alternativlos ansehen. „Was sollen wir denn ohne ihn machen?“, fragt sie, während sie ihr Fahrrad abstellt und sich auf die Bank einer Bushaltestelle setzt. Kalter Zigarettengeruch weht durch das undichte Häuschen. 

tagebau welzow

Angelika Trautmann

Gegen die Erweiterungs-Pläne der Landesregierung aus SPD und LINKE hat sich wenig Widerstand in Brandenburg formiert. Im Gegenteil: Die Landesregierung wurde bei den letzten Wahlen Ende September bestätigt. Es schien die letzte Möglichkeit gewesen zu sein, den Tagebau zu verhindern.

Doch warum hat sich niemand gegen die Tagebauerweiterung gewehrt? Warum hat sich – die Tagebau-Gegner außenvorgelassen – so wenig Widerstand formiert?

Das Dilemma: Geld vs. Heimat

Nach Antworten muss man nicht lange suchen. Ein wichtiger Faktor: Geld. In der strukturschwachen Region ist es Fluch wie auch Segen. Zwar würden viele gerne bleiben. Entscheiden sich der hohen Entschädigung wegen oft für einen Wegzug. Laut Gesetz ist eine Umsiedlung nur dann gerechtfertigt, wenn Grundstücks- und Hauseigentümer angemessen für ihren Verlust entschädigt werden. Vattenfall zahlt für den Hausverkauf ihrer Besitzer viel als Ausgleich. Hausbesitzer können sich im neu errichtetem Ort das Grundstück aussuchen. Zudem hilft der Tagebauausbau dem Gemeinwohl mehr, als es ihm schadet. Im Falle von Welzow-Süd ist die Sachlage deutlich: 800 Menschen umsiedeln oder den Motor von Südbrandenburg gefährden?

Konstantin Jurischka sieht sich der wirtschaftlichen Kraft aufgeopfert, die die riesige Kraterlandschaft umgibt.

Wo früher Menschen lebten, stehen heute Förderbänder Foto: Ines Glöckner

Wo früher Menschen lebten, stehen heute Förderbänder Foto: Ines Glöckner

„Die kriegen uns hier nicht mal mit Knüppel heraus!“ Wenn Jurischka über Vattenfall und dem seit der Wendezeit währenden Kampf gegen den Tagebau spricht, merkt man die Wut, die sich über Jahre in ihm breitgemacht hat. Laut Jurischka verführen sie Grundstücksbesitzer zur Aufgabe mit Reden über die enorme Bedeutung des Tagebaus. Sie bringen sie gegeneinander auf. „Sie gehen in die Familie und schließen mit den Jugendlichen Azubi-Verträge ab“, sagt er. Jurischka sieht das als Werkzeug, mit dem schon viele Familien mundtot gemacht wurden.

Verlassen die riesigen Schaufelbagger den Tagebau, wird er geflutet. Die Seen werden irgendwann zu Touristenregionen, das ist zumindest die Hoffnung der Politiker – Foto: Ines Glöckner

Verlassen die riesigen Schaufelbagger den Tagebau, wird er geflutet. Die Seen werden irgendwann zu Touristenregionen, das ist zumindest die Hoffnung der Politiker – Foto: Ines Glöckner

Dass Jurischka bald gegen einen anderen Gegner kämpfen muss, ist dank eines Regierungswechsels in Schweden beschlossene Sache. Das nordeuropäische Land wird seit letztem Herbst von den Grünen mitregiert, die bekanntlich Braunkohlegegner sind. Vattenfall, als schwedisches Staatsunternehmen, verkündete kurz darauf seinen Ausstieg aus der Braunkohle und will den Tagebau bis 2016 verkaufen. Die Zukunft von mehr als 9000 Arbeitsplätzen in der Lausitz ist ungeklärt. Offenbar gibt es bisher wenig Interessenten, wie der Brandenburger Fernsehsender rbb berichtet.

In einem Teil des Tagebaus, an dem die Schaufelräder schon vorbeigezogen sind, holt sich die Natur das wieder, was der Mensch wie mit einem riesigen Kuchenmesser aufzuschneiden versucht hat. Deutlich zu sehen: Ein riesiger Riss, der nicht nur den Boden der Kraterlandschaft entzwei geteilt hat.



Benjamin Köhler



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