Die Knechtschaft der digitalen Freiheit

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Illustration von: Cyra Henn

Eine Analyse über die Veränderungen und Probleme des Journalismus im Zeitalter des Internets

Es war gemütlich, dieses analoge Zeitalter: Da traf man sich auf ein Bier oder zwei am Stammtisch in der Kneipe, um das Weltgeschehen zu besprechen. Ob es um Fußball oder die Bundestagswahl ging, die Themen für eine Diskussion fand man in der Tageszeitung. Inzwischen sind sowohl der Stammtisch wie auch die gedruckte Zeitung auf dem Rückzug. Sie weichen einer Öffentlichkeit, die ihre Diskurse über Smartphones oder Tablets führt.

Qualitativ hochwertiger Journalismus spielt eine tragende Rolle in öffentlichen Diskursen. Indem er die Gesellschaft widerspiegelt, trägt er dazu bei, die Menschen aufzuklären. Im digitalen Zeitalter sieht die journalistische Branche sich nun mit Lesern konfrontiert, die die Ansprüche höher geschraubt haben. Moderne Menschen wollen ihre Individualität ausleben und müssen gedanklich flexibel  bleiben. Sie verlangen nach Journalismus, der sie überrascht und ihnen Orientierung in der Komplexität einer global vernetzten Welt gibt. Journalismus als Horizonterweiterung. Doch wie kann die journalistische Qualität gesteigert werden, wenn in den Verlagen gespart wird, wenn zukunftweisende Finanzierungsmodelle für die Online-Angebote fehlen? 

Die gesamte Verlagsbranche hat nach fünfzehn Jahren noch keinen Weg gefunden, wie sich Journalismus im Internet finanzieren lässt. Das Geld mit Anzeigengeschäften im Internet verdienen die Anderen, globale Technologie-Konzerne wie Google oder Facebook. Suchmaschinen und Soziale Netzwerke entscheiden darüber, welche Seiten online präsent sind und wer Zugang zu diesen Daten hat. Die Global Players aus dem Silicon Valley haben ein Monopol auf jegliche Kommunikation im Netz. Künftig könnten sie mit den Zugangsbarrieren zum World Wide Web über soziale Konflikte entscheiden. Wie Regierungen diese Macht ausnutzen können, hat die Prism-Affäre aufgedeckt. 

Die Verleger in ihrer Schockstarre fügen sich dem Diktat der Global Players. Bei vielen Verlagen werden Artikel mit Schlüsselwörtern versehen, damit sie bei Suchmaschinen höher gelistet werden. Inhaltlich wird der Journalismus ausgehöhlt, um Suchergebnissen nachzujagen. Die journalistische Unabhängigkeit ist in Gefahr, wenn Google die Publikationswege im Netz definiert. 

 

Christoph Fasel ist Journalist und Bestseller-Autor.

Christoph Fasel ist Journalist und Bestseller-Autor.

„Online hat keinerlei Fortschritte für die Entwicklung des Journalismus gebracht, “ sagt Christoph Fasel, der über 84 Zeitschriften und Zeitungen beraten oder gegründet hat. Er ist Journalist und Bestseller-Autor, zudem Direktor des Instituts für Verbraucherjournalismus. „Der Nutzer erlebt im Internet eine Deprofessionalisierung von Information durch den sogenannten Bürgerjournalismus. Ich möchte nicht von einem Bürgerpiloten nach Mallorca geflogen werden oder von einem Bürgerchirurgen am offenen Herzen operiert werden. Ich möchte, dass das ein Profi macht. Und ich möchte von einem Profi informiert werden, der sich mit den Gesetzmäßigkeiten eines kompetenten und ethisch fundierten Journalismus  auseinandergesetzt hat.“ Qualitätsjournalismus, der sich im Internet selbst refinanziert, ist nach Fasels Ansicht bisher nicht zu finden. Aber auch qualitativen Journalismus an sich suche man nicht nur bei den Online-, sondern auch bei den Print-Angeboten deutscher Tageszeitungen oft vergebens. Eine Studie seines Instituts belegt, dass 94 Prozent der Wirtschaftsteile von regionalen Tageszeitungen ihrem Informationsauftrag nicht mehr nachkommen können. Die unterirdische Qualität vieler Zeitungen leitet sich für Fasel aus den schlechten Arbeitsbedingungen der Redakteure ab. Diese sind dem erhöhten Aktualitätsdruck unterworfen. Sie müssen immer mehr Aufgaben erfüllen können. Zu der Überforderung kommen befristete Verträge und ein niedriges Einkommen. Fasel betont: „Journalismus ist Menschensache, das ist ein Menschengeschäft. Wenn die Verleger sich kaputt sparen, dann werden sie keine angemessene Themenauswahl und keine vernünftige Recherche haben. Ich kenne Tageszeitungen, da sagt der Ressortleiter ganz klar: ‚Bei mir in der Redaktion sind alle,die die technische Produktion gemacht haben, draußen. Die braucht man nicht mehr.’“

Die Verlage erhöhen den Druck auf die Journalisten und machen aus dem Menschengeschäft eine Massenproduktion. Die Renditen lagen im ersten Quartal dieses Jahres bei durchschnittlich zwanzig Prozent. Bei dieser traumhaft hohen Zahl fehlt Legitimation für die teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen. Aufgrund der sinkenden Qualität erleben viele Blätter einen enormen Abonnenten- und Anzeigenrückgang. Das Vertrauen in die Marken ist verloren. Doch die Branche leidet noch nicht genug, um ihre Innovationsbereitschaft zu erhöhen. Ideen müssen her. Journalismus muss sich an die digitalen Ströme anpassen, er muss sich wandeln.

 

Martin Wagner, Geschäftsführer und Chefredakteur der regionalen Tageszeitung Schwarzwälder Bote.

Martin Wagner, Geschäftsführer und Chefredakteur der regionalen Tageszeitung Schwarzwälder Bote.

„Aufgrund der elektronischen Medien haben wir die Rolle als Erstnachrichtengeber verloren. Diese Veränderung hat eine Entwicklung in der Art, wie wir Journalismus machen, herbeigeführt. Wir verstehen uns nun als Dienstleistende, die erklärend die Hintergründe zu der Nachricht beisteuern, “ erklärt Martin Wagner, Geschäftsführer und Chefredakteur der regionalen Tageszeitung Schwarzwälder Bote. Wagner leugnet nicht, dass die Redakteure unter erhöhtem Druck stehen, seit sie sich der Taktung des Online-Geschäfts fügen müssen. Er kann der Veränderung jedoch etwas Positives abgewinnen, wenn er sagt, dass Journalisten im Rhythmus des Lebens stecken und unmittelbar auf Ereignisse reagieren können. Die Redakteure des Schwarzwälder Boten sollen nicht nur näher an das Leben, sondern auch näher an den Leser rücken: „Wir sind gerade dabei, Facebook-Auftritte aufzubauen, in denen wir Nachrichten aktueller als in der Online- oder der Print-Ausgabe präsentieren. In vier Lokalredaktionen gibt es sie bereits und sie sind gut frequentiert.“ Damit setzt die Zeitung auf Partizipation der Leser. Eine kluge Strategie. Die User wollen mitreden, statt Informationen kommentarlos zu schlucken.

Klar ist, dass alle potentiellen Leser untereinander vernetzt sind und über das Internet pausenlos kommunizieren. Der Einfluss der Medien auf die Menschen war nie größer. Nur lässt sich eben mit aufwendigem Journalismus nicht so viel Geld verdienen wie mit Stellenmarkt-Portalen oder Preisvergleich-Webseiten. Daher werden Verlage wie Bertelsmann oder Axel Springer sich zu global agierenden Multimedia-Konzernen entwickeln. Erst vor kurzem gab der Springer-Verlag bekannt, die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt zu verkaufen. In einem weltumspannenden Netzwerk aus Subunternehmen ist Journalismus wohl kaum zu verorten.

Die Grenzen zwischen wirtschaftlichen Interessen und journalistischer Autonomie zerfließen in den Strömen des virtuellen Raums. Qualitätsjournalismus im Netz versucht sich dem Einfluss von Ökonomie und Politik zu entziehen. Das ist ein uralter Kampf, nur der Austragungsort hat sich in das Digitale verlagert. Die kulturellen Normen im Netz definieren Konzerne wie Google. Die Verlage wandeln sich zu Medienhäusern und ziehen nach. Ist die erhoffte Demokratisierung von Information im Netz gelungen, wenn es sich als weiteres Schlachtfeld globaler Machtspielchen zeigt?

In jedem Fall erleichtert das Netz die Verbreitung von Daten. Journalisten können sich das zunutze machen und Steuersündern den Schlaf rauben. Das Ideal der weltweiten Community mit gleichberechtigten Members scheitert an der kapitalistischen Realität. Das Internet ist vor allem in Industrienationen verbreitet. Unterentwickelte Länder haben kaum Zugang zum Web.

Doch das Internet hat seine Freiheit noch nicht vollständig verloren. Blogger in Krisengebieten finden online eine Plattform zum Informationsaustausch. Stimmen, die im Zeitalter der Massenmedien nicht gehört wurden, können nun sprechen. So profitieren auch wir in unseren Anfängen als Magazin davon, Inhalte im Netz teilen zu dürfen. Dabei freuen wir uns vor allem auf die Kommunikation und die aktive Mitgestaltung unserer Leser. Obwohl es verführerisch ist, sich nach den gemütlichen, analogen Zeiten zu sehnen: Eine Generation, in der alle Menschen miteinander vernetzt sind, passt nicht mehr an einen Stammtisch.

 



Lea Verstl



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